Film, Dies & Das
Auf Wolfsspuren im Sommerkino
Ein Sommerabend, eine Leinwand und die Suche nach einem Wolf: Der Verein Konkret lädt in Nänikon zu einem Sommerkino zwischen Natur, Film und Begegnung.
Text: Gisèle Münzner
Interview mit: Lisa Pfister und Pascal Käslin vom Verein Konkret
Wenn es am 29. August langsam dunkel wird über Nänikon, beginnt vor der Werkstatt des Vereins Konkret ein etwas anderer Kinoabend. Ab 18 Uhr trifft man sich zum gemeinsamen Essen, Zusammensitzen und Erzählen. Um 20.30 Uhr beginnt der Film – und auf der Leinwand die Suche nach einem Wolf.
Doch wer bei «Tamina – Wann war es immer so?» eine klassische Naturdokumentation erwartet, dürfte überrascht werden.
Ein Wolf, der fast zur Nebensache wird
Ein neugieriger Städter streift durch eine alpine Landschaft und sucht nach einem Tier, das sich kaum zeigen will. Unterwegs begegnet er eigenwilligen Menschen – und plötzlich geht es um viel mehr als nur um Wolfsspuren.
«Tamina ist ein Film über die Suche nach einem Wolf, bei dem der Wolf fast zur Nebensache wird», fasst das Team von Konkret zusammen.
Je länger die Suche dauert, desto grösser werden die Fragen dahinter: «Wem gehört die Natur? Wie wild darf sie sein? Und warum fasziniert uns gerade das, was wir kaum zu Gesicht bekommen?»
Der Schweizer Dokumentarfilm nähert sich diesen Fragen verspielt, persönlich und manchmal überraschend. Der Wolf bleibt dabei schwer greifbar – und ist doch ständig präsent.
Für das Sommerkino hatte das Team verschiedene Filme vorgeschlagen. In der internen Abstimmung erhielt «Tamina» die meisten Stimmen. Generell achtet der Verein bei der Auswahl auf Schweizer Filme mit Naturbezug. Das Thema Wolf ist zudem hochaktuell und wird in der Schweiz in Medien und Politik kontrovers diskutiert.
Vom Sommerabend in die Schweizer Bergwelt
Ein Kinoabend gehört beim Verein inzwischen fast schon zur Tradition – nur sieht er jedes Jahr etwas anders aus.
Einmal fand er im Winter im gemütlichen Gemeinschaftsraum statt, einmal unter dem Vordach. Im vergangenen Jahr wurde daraus ein Velokino mitten im idyllischen Weidenwäldchen.
Was immer dazugehört, ist das Zusammensein. Vereinsmitglieder treffen auf ehemalige und aktuelle Zivildienstleistende, Mitarbeitende, Menschen aus der Nachbarschaft und weitere Interessierte.
«Dabei entstehen am Feuer meist die spannendsten Gespräche», erzählt das Team. Ob die Feuerstelle an diesem Abend genutzt werden kann, hängt von den geltenden Feuerbestimmungen ab.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Abends: Der Film wirft Fragen über Wildnis und unser Verhältnis zur Natur auf – und danach bleibt Zeit, darüber weiterzureden.
Wie nah ist die Wildnis eigentlich?
Für Konkret endet die Auseinandersetzung mit der Natur nicht auf der Leinwand. Die Kernkompetenz des Vereins liegt im Naturschutz und in der Biodiversitätsförderung. In der Hauptsaison sind dafür bis zu 60 Personen pro Tag im Einsatz.
Der Film führt damit zu Fragen, die auch die Arbeit von Konkret berühren: Wie können Natur- und Kulturlandschaften so gestaltet werden, dass unterschiedliche Bedürfnisse Platz finden?
«Der Wolf und grosse Raubtiere generell gehören zu einem natürlichen Ökosystem und haben darin eine wichtige Funktion. Dass der Wolf heute auch in unserer Nähe wieder vorkommt, macht sichtbar, dass unsere Landschaft nicht nur uns Menschen gehört, sondern Lebensraum für viele verschiedene Arten ist. Damit sind wir gefordert, einen Umgang mit unserer Landschaft zu entwickeln, der den Erhalt der Artenvielfalt ermöglicht und zugleich die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt.»
Wie nah Tierwelt und Alltag beieinanderliegen können, erlebt das Team immer wieder selbst. Im Bach beim Vereinsmagazin hat sich ein Biber angesiedelt – manchmal schwimmt er nur wenige Meter an den Menschen vorbei. In den Wiesen liegen zusammengerollte Rehkitze, die plötzlich mit grossen Augen aufschauen, und in rauschenden Bachtobeln entdeckt das Team schlafende Füchse.
Auch zahlreiche Amphibien wurden bereits aus Schächten gerettet. In der Riedwiese tauchte sogar eine Kornnatter auf – vermutlich ein ausgesetztes Haustier.
Und dann gibt es noch einen erhofften Gast: Mit einem selbstgebauten Nest versucht der Verein, einen Storch auf das Dach zu locken.
Ob er die Einladung annimmt?
Wo die Natur zurückkehrt
Auch der Ort des Sommerkinos erzählt seine eigene Geschichte.
Die Werkstatt steht auf einem ehemaligen Autoabbruchgelände. Seit der Autoabbruch verschwunden ist, konnten Weiden und Birken wieder frei wachsen. Gemeinsam mit interessierten Menschen entstanden bei Veranstaltungen und Kursen Steinlinsen, Kleingewässer und Trockensteinmauern – kleine Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Zurzeit wird das Moor wiederhergestellt, das hier bereits vor dem Autoabbruch existierte. Auch die Flächen rund um das Gebäude werden revitalisiert.
Das Team beschreibt den Platz vor der Werkstatt als eine Art «Aussenwohnzimmer»: Man sitzt vor dem Haus und schaut direkt hinaus in die Natur. Gerade für einen Sommerabend könnte die Kulisse deshalb kaum passender sein.
Im Alltag ist die Werkstatt ein lebendiger Arbeitsort: Motorsägen brummen, Messer werden geschliffen, Werkzeuge klappern. Am 29. August verändert sich die Atmosphäre. Menschen kommen zusammen und unter dem Vordach entsteht für einen Abend ein kleines Sommerkino.
So wird ein Ort, an dem sonst für den Naturschutz gearbeitet wird, zur Kulisse für Film, Begegnung und einen langen Sommerabend.
Naturschutz darf auch gesellig sein
Warum organisiert ein Verein, dessen Kernkompetenz im Naturschutz liegt, überhaupt Kinoabende und Kulturveranstaltungen?
Weil für Konkret auch Begegnung dazugehört.
Sechsmal im Jahr organisiert der Verein Veranstaltungen für Mitglieder und weitere Interessierte. Mal steht die Umweltbildung stärker im Mittelpunkt, mal die Geselligkeit. Am liebsten kommt beides zusammen.
Das Vereinsmagazin in Nänikon ist deshalb nicht nur Arbeitsort. Feuerschalen sorgen nach Feierabend für Atmosphäre, Dartscheiben für Unterhaltung und Mobiliar aus dem Brockenhaus dafür, dass auch grössere Runden Platz finden.
«Am liebsten ist es uns, wenn wir beides kombinieren können. Das bewegt und motiviert uns.»
Das Sommerkino bringt genau diese beiden Welten zusammen.
Einfach vorbeikommen
Wer den Abend erleben möchte, braucht keine Anmeldung. Am besten erreicht man das Gelände mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Vom Bahnhof Nänikon sind es rund 15 Minuten zu Fuss.
Und wenn das Schweizer Sommerwetter nicht mitspielt? Auch dann läuft der Film. Das Kino findet vor der Werkstatt unter dem Vordach statt – draussen, aber geschützt.
Nach dem Sommerkino geht das Programm von Konkret weiter: Vom 15. September bis 9. Oktober steht die DIY-Mostanlage bereit. Am 20. und 21. November folgt «Frost & Bass» mit Musik, Kultur und langen, tanzenden Nächten.
Wer danach selbst «konkret» werden möchte, kann den Verein als Mitglied unterstützen und damit helfen, die einheimische Artenvielfalt und eine vielfältige Kulturlandschaft im Zürcher Oberland zu erhalten.
Vielleicht beginnt das aber ganz unkompliziert: mit einem Platz im «Aussenwohnzimmer» und der Suche nach einem Wolf auf der Leinwand.
Auf einen BlickAnlass: Sommerkino vor der Werkstatt Feuerstelle/Grillieren: nur sofern es die am 29. August geltenden Feuerbestimmungen zulassen Weitere Informationen: verein-konkret.ch |
Autor
Kulturblog Uster
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Kategorie
- Dies & Das
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