Bühne, Dies & Das, Musik
Cowboys im Stadtpark: Uster wird zur Westernstadt
Outlaws, ein Pony und alte Heldenmythen: «Spiel mir das Lied von Uster» verwandelt den Stadtpark Ende Juni in eine Westernstadt.
Text: Gisèle Münzner
Interview mit Sarah Brusis, Künstlerische Co-Leitung des Central Uster und Regisseurin von «Spiel mir das Lied von Uster».
Noch ist der Stadtpark Uster ein vertrauter Ort: Wiese, Wege, Bäume, Menschen beim Spaziergang. Ende Juni aber verschiebt sich hier für ein paar Abende die Wirklichkeit. Dann wird aus dem Park eine Westernstadt, aus der Wiese eine Bühne und aus einem bekannten Ort ein Schauplatz für Outlaws, Musik, alte Heldenbilder und neue Fragen.
«Spiel mir das Lied von Uster» heisst das Freilichttheater, mit dem das Central Uster den Wilden Westen mitten in die Stadt holt. Begonnen hat diese Geschichte aber nicht mit Staub, Prärie oder einsamen Reitern am Horizont. Sie begann viel näher: in einer Umkleide.
Wo der Wilde Westen beginnt
Kurz vor einer Vorstellung von «Planet Tabu», dem letzten gemeinsamen Stück des Teams, entstand die Idee für das neue Projekt. Damals drehte sich auf der Bühne alles um dubiose Aliens in Uster. Noch bevor dieses Universum ganz verlassen war, tauchte bereits die nächste Frage auf: Welches populäre Genre könnte als Nächstes auf die Bühne kommen?
«Wir überlegten, auf welches populäre Genre wir uns als nächstes stürzen sollten – und da kamen wir spontan auf den Western», erzählt Sarah Brusis.
Bis aus dieser spontanen Idee ein konkretes Projekt wurde, vergingen rund zweieinhalb Jahre. Erste Planungsschritte begannen bereits vor zwei Jahren, als Sarah Brusis und ihr Team die Leitung im Central übernahmen. Schon damals wurde die Band «The Peacocks» für dieses Projekt angefragt.
Drei Antihelden und ein Mikro-Western-Kosmos
In klassischen Western reitet oft ein einsamer Held in eine fremde Stadt. In Uster ist das etwas anders.
«Bei uns ziehen zu Beginn gleich drei einsame Antihelden in eine verlassene Westernstadt ein und treffen dort aufeinander», sagt Sarah Brusis. «Tatsächlich reiten kann aber nur einer der dreien.»
Die drei Outlaws werden von Joachim Aeschlimann, Simon Brusis und Miro Maurer gespielt. Dazu kommen drei modernere Cowboys: die Musiker der Peacocks – Hasu Langhard, Simon Langhard und Jürg Luder.
Auch hinter den Kulissen entsteht die Westernstadt im Team. Moritz Noll hat das Bühnenbild gebaut, Selina Tholl sorgt für die Kostüme, Fritz Rickenbacher übernimmt den Ton. Das Licht gestalten Andi Ineichen und Pino Pecorelli.
Die Story entwickelten Joachim Aeschlimann, Miro Maurer, Simon Brusis und Sarah Brusis gemeinsam. Die Texte schrieb hauptsächlich Miro Maurer. Die Musik entstand zusammen mit der Band, die Titelmusik komponierte David Langhard.
Der Titel «Spiel mir das Lied von Uster» spielt augenzwinkernd auf einen berühmten Filmklassiker an. Doch Uster ist hier mehr als eine witzige Ortsangabe. Das Setting orientiert sich am klassischen Western und am Neowestern – eigentlich ein Genre, das auf den ersten Blick eher in eine trostlose amerikanische Kleinstadt passt als nach Uster. Gerade dieser Bruch habe das Team interessiert.
«Wir fanden es spannend zu überlegen, was passieren würde, wenn mitten in Uster plötzlich ein kleiner Mikro-Western-Kosmos entstünde», sagt Sarah Brusis. «Wer würde sich dort treffen, welche Dynamiken entstünden dort und welche Auswirkungen hätte dieser auf die Stadt?»
Deshalb enthält der Stücktext viele Bezüge zu Uster. Der Stadtpark wird dabei nicht einfach zur dekorativen Kulisse. Er wird Teil der Inszenierung.
Der Stadtpark spielt mit
Das Publikum sitzt auf Stühlen und Bänken auf der Wiese verteilt – also mitten in der Westernstadt. Das Bühnenbild und die Szenen werden fliessend in den Stadtpark hineingebaut. Dem Team geht es bewusst nicht um ein klassisches Open-Air-Theater, bei dem das Publikum in sicherer Entfernung auf einer Tribüne sitzt.
«Uns interessiert vielmehr die Form des ortsspezifischen Theaters, das sich direkt mit dem bespielten Ort und seiner gesellschaftlichen Bedeutung auseinandersetzt», erklärt Sarah Brusis.
Das bringt Herausforderungen mit sich: Der Stadtpark ist ein öffentlicher Raum, mit Umgebungsgeräuschen, Laufpublikum und unerwarteten Nebenschauplätzen. Zudem misst allein die Westernstadt rund 30 Meter – eine Grösse, die auf keine herkömmliche Bühne passen würde.
Mehr als Lagerfeuerromantik
Ein Saloon mit Schwingtür, eine Feuerstelle, eine Schiesserei, Outlaws und ein Pony sind dabei. Gleichzeitig will das Stück mehr als klassische Westernbilder bedienen.
In der Ankündigung ist von Heldenmythen, moralischen Grauzonen und den Trümmern archaischer Männlichkeit die Rede. Sarah Brusis ist sich bewusst, dass das Western-Genre heute nicht unproblematisch ist. Es bilde Gesellschaftsstrukturen und Geschlechterbilder ab, die heute als überholt oder sogar verwerflich gelten. Genau deshalb habe die Projektidee auch kritische Stimmen ausgelöst.
Gleichzeitig sieht sie im Western ein Genre, dessen Themen heute an neuer Aktualität gewinnen. Dazu gehören undurchschaubare Machtstrukturen, staatliches Recht gegenüber dem Recht des Stärkeren, die Bedrohung durch technologischen Fortschritt, soziale Konflikte und Geschlechterrollen.
«Es war nicht einfach, hier einen Fokus zu setzen bei dieser Vielfalt an aktuellen Themen», sagt sie. «Das Thema der kontroversen Rolle der Männlichkeit in der heutigen Gesellschaft diente uns letztlich als Leitfaden für die Entwicklung des Stücks.»
So bleibt das Stück in der Schwebe: zwischen Feiern des Genres und Abrechnen mit seinen Klischees.
Kurze Probenzeit, grosse Westernwelt
Die eigentliche Konzeption, das Schreiben und die intensiven Proben laufen seit Mitte Mai. Solche Stückentwicklungen entstehen beim Team meistens in wenigen Wochen.
«Wir erarbeiten unsere Stückentwicklungen meistens nur in wenigen Wochen und tauchen in dieser Zeit voll und ganz in die fiktive Welt ein», sagt Sarah Brusis.
Zu dieser fiktiven Welt gehört auch ein echtes Pony. Beim Pony steht die Überzeugungsarbeit allerdings noch bevor. Geprobt wird mit dem Pony erst in den letzten vier Tagen. Unterstützt wird das Team von den Pferdefrauen Jeannine Wöhrle und Claudia Frei.
Und was würde Clint Eastwood wohl sagen, wenn er an einem lauen Sommerabend im Stadtpark Uster auftauchen würde?
Sarah Brusis antwortet im Ton des Genres: «Ich dachte immer, es gibt zwei Arten von Menschen: die mit geladenen Waffen und die, die schuften. Diese Typen hier scheinen komischerweise beides zu sein.»
So reitet der Wilde Westen Ende Juni nicht durch die Prärie, sondern mitten durch Uster. Mit alten Mythen, neuen Fragen, Musik, Theater und einem Stadtpark, der für ein paar Abende zur Westernstadt wird.
Spiel mir das Lied von Uster
Central Uster
Freilichttheater mit Live-Band im Stadtpark Uster
Aufführungen: 26., 27. und 28. Juni 2026, jeweils 20:30 Uhr
Stadtpark Uster
Wer den Stadtpark einmal ganz anders erleben möchte, ist eingeladen, sich Ende Juni mitten in diese Westernstadt zu setzen. Der Eintritt ist auch ohne Ticket möglich, mit Kollekte. Sitzplätze können unter www.centraluster.ch reserviert werden.
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Kulturblog Uster
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Central Uster
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