Kunst, Literatur
Vom Zürcher Oberland nach Ägypten: Atelieraufenthalt in der Megastadt Kairo
Der Ustermer Künstler Corsin Gaudenz hat 2025 6 Monate in einem Künstleratelier in der 20-Millionen-Stadt Kairo verbracht. Im Gespräch gibt er Auskunft über seine Erlebnisse, Eindrücke und die entstandenen Projekte.
Wie hast du die Stadt Kairo erlebt?
Kairo öffnet einen besonderen Raum als Schnittstelle zwischen Afrika und dem Nahen Osten, geprägt von arabischer Sprache, Kultur und Musik. Die Stadt ermöglicht Einblicke in eine Kultur, die weit über Kairo hinausgeht. Die auf sechs Monate angelegte Residenz schafft dabei die nötige Zeit für ein tiefes Eintauchen – in neue Rituale und in ein verändertes Zeitgefühl, das stark im Moment verankert ist. Das ist eine sehr bereichernde Erfahrung.
Gleichzeitig habe ich Kairo als stark überfordernd erlebt. Die Stadt ist sehr gross, laut und dicht bevölkert – rund 20 Millionen Menschen leben hier auf engem Raum. Der Verkehr ist intensiv, die Luftqualität oft schlecht, und Polizei sowie Militär sind stark präsent.
Was ist eine prägendste Erinnerung oder Begegnung?
Eine der prägendsten Begegnungen war die Zusammenarbeit mit den Druckern am Institut français d’archéologie orientale, wo ich über mehrere Monate hinweg ein Buch im Letterpress-Verfahren produziert habe. Trotz fehlender gemeinsamer Sprache – ich sprach kein Arabisch, sie kaum Englisch – entwickelte sich über den Arbeitsprozess eine unmittelbare Verbindung. In den Pausen spielten wir Tischtennis, und ich war oft in der Rolle des Lernenden, der Einblick in einen präzisen handwerklichen Prozess erhält.
Wie kam die Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden vor Ort zustande?
In Kairo ist es vergleichsweise einfach, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Dadurch entstand schnell ein kleiner Kreis von Kunstschaffenden, denen ich immer wieder begegnete. Aus diesen wiederkehrenden Begegnungen entwickelten sich schliesslich konkrete Kooperationen.
Du hast auch Kinderbücher übersetzt. War das nicht eine Herausforderung, gerade wegen der Sprache?
Ich habe ein Kinderbuch ins Arabische übersetzt und eines aus dem Arabischen ins Deutsche. Das arabische Buch umfasst rund 18 Seiten, auf denen jeweils nur ein einzelnes Wort steht. Dank Übersetzungshilfen und der Unterstützung durch ChatGPT war das gut machbar.
Herausfordernder war die Übersetzung des Kinderbuchklassikers «Joggeli söll go Birli schüttle», der stark von Reimen geprägt ist. Diese Reimform, die sich mündlich gut erzählen lässt, ins ägyptische Arabische zu übertragen, erforderte mehrere Anläufe und Anpassungen.
Welcher Einfluss hat der Aufenthalt für deine zukünftigen Projekte?
Ein direkter Einfluss zeigte sich darin, dass ich mit der arabischen Übersetzung von «Joggeli sött go Birli schüttle» an einem Storytelling-Festival teilnehmen konnte, wo das Buch als Ausgangspunkt für Gespräche mit dem Publikum diente. Dabei entstand auch die Zusammenarbeit mit einem ägyptischen Künstler, mit dem ich nun ein Ko-Kreationsprojekt, das von der Pro Helvetia gefördert ist, umsetze. Im April 2026 waren wir in Oberägypten bei Luxor mit einer kleinen Performance sowie Workshops an Schulen und haben zum Thema Nein-Sagen und körperliche Grenzen gearbeitet. Das war eine schöne Erfahrung.
Verananstaltungshinweis: Am 30. Mai gibt Corsin Gaudenz von 14 bis 16 Uhr in der Bibliothek Uster Einblicke in seinen Aufenthalt und die dort entstandenden Bücher.
Atelierstipendien der Stadt Uster: Die Städtekonferenz Kultur (SKK) betreibt Ateliers in Kairo, Buenos Aires, Belgrad und Genua. Die Stadt Uster kann als Mitglied der SKK periodisch Atelierstipendien vergeben. Bewerben können sich professionelle Kunstschaffende aller Sparten mit engem Bezug zu Uster. Die Kulturkommission prüft die Eingaben und vergibt das Stipendium. Der oder die Stipendiat/in darf das Atelier während einer festgelegten Zeit kostenlos benützen und erhält von der Stadt Uster einen Beitrag an den Lebensunterhalt. Weitere Informationen auf uster.ch
Autor
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