Kunst, Dies & Das
Wo Kunst unter freiem Himmel lebt: Im Ateliergarten von Carolyn Heer
Ein öffentlich zugänglicher Garten am Greifensee verbindet Skulpturen, Natur und Begegnung. Im Interview erzählt Carolyn Heer, wie aus ihrem Ateliergarten zu einem besonderen Kulturort wurde.
Text: Gisèle Münzner
Interview mit Carolyn Heer
Ein Sommertag am Greifensee, das Wasser glitzert in der Sonne und ein Spaziergang führt vorbei an Wiesen und alten Bäumen. Nur wenige Schritte vom See entfernt befindet sich der öffentlich zugängliche Ateliergarten von Carolyn Heer. Zwischen Skulpturen, Farnen und wechselndem Licht begegnen sich Kunst und Natur auf besondere Weise. Doch wie entstand dieser Garten? Was inspiriert die Künstlerin? Und was erwartet die Besucher:innen? Darüber spricht Carolyn Heer im Interview.
Seit einigen Jahren öffnest du deinen Ateliergarten für Besucherinnen und Besucher. Für alle, die diesen besonderen Ort noch nicht kennen: Wenn du ihn in einem Satz beschreiben müsstest – wie würde dieser lauten?
Klein, aber fein – ein Ort zum Verweilen und Entdecken, zum Geniessen und Entspannen, wo sich Kunst und Natur verbinden.
Heute ist der Ateliergarten ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Greifensee. Erinnerst du dich noch an den Moment, als du beschlossen hast, deinen privaten Garten für Besucherinnen und Besucher zu öffnen? Was hat dich damals zu diesem Schritt bewogen?
Verschiedene Faktoren waren ausschlaggebend: Mein Sohn fand, ich müsse etwas mit dem stiefmütterlich behandelten Garten «hinter dem Haus» machen. Dann kamen die Besichtigungen wunderschöner Skulpturenparks in Südengland und Irland sowie die für kommende Galerieausstellungen im Estrich gelagerten Skulpturen dazu. Schliesslich musste ich mir die Umsetzung auch monetär leisten können. Wichtig war auch der Gedanke, dass es Menschen gibt, die aus verschiedensten Gründen nicht in Galerien gehen. Ihnen so einen unkomplizierten Zugang zur Kunst zu ermöglichen, macht mir Freude.
Der Ateliergarten ist heute weit mehr als ein Ausstellungsort – er ist auch eng mit Greifensee verbunden. Welche Rolle spielt dieser Ort für dich persönlich? Wie prägt die Landschaft rund um den Greifensee deine Kunst, und könntest du dir den Ateliergarten überhaupt an einem anderen Ort vorstellen?
Der Ateliergarten soll an dem Ort sein, wo mein Atelier ist, weswegen er auch so heisst. Natürlich beeinflusst mein Wohnort auch meine Arbeiten. Durch den täglichen Morgenspaziergang mit meiner Hündin am und um den Greifensee und das Privileg einer sensationellen Aussicht mit weitem Himmel werde ich ständig angeregt.Sei es in der Malerei, z. B. Wasser, Himmel oder auch in der Bildhauerei, in der z. B. eine Serie von Greifenseeläufern oder Spalthölzern entstand. Durch die vielen Landes- und Sprachwechsel in meiner Kindheit sind wohl die Themen Landschaften und Menschen im Vordergrund meiner Arbeit. Es ist schön, an einem friedlichen Ort, von Natur umgeben, wohnen zu dürfen.
Zwischen Blumen, Bäumen und Skulpturen entdeckt jeder Besucher andere Details. Jeder erlebt den Ateliergarten auf seine eigene Weise. Gibt es einen Ort, der auch nach all den Jahren noch dein persönlicher Lieblingsplatz ist – und weshalb?
Im Sommer auf der Holzbank sitzen, überdacht von Blattwerk in verschiedenen Grüntönen und dem Plätschern des Brunnens zuzuhören, im Blickfeld da und dort eine Skulptur, lässt mich ruhig werden.
Dieser Sommer ist besonders heiss und taucht den Ateliergarten in ein ganz eigenes Licht. Die Natur verändert sich ständig – genau wie die Atmosphäre im Garten. Wie beeinflussen Licht, Jahreszeiten und Pflanzen deine Kunst und vielleicht auch dein eigenes Schaffen?
Ja, genau – das Licht! Das wandernde Licht und die wechselnden Schatten lassen die Skulpturen immer wieder neu erscheinen. Besonders die sanften Morgen und Abendstimmungen bei Sonnenschein lassen verschiedene Wahrnehmungen zu. Im Winter, allenfalls bei Schnee, verändert sich der Ausdruck der Skulpturen noch einmal. Speziell schön wirkt der Garten dann in der Advents- und Weihnachtszeit, wenn all die Lichtervorhänge ihr warmes Licht verströmen.
Wer den Ateliergarten besucht, entdeckt meist zuerst die Skulpturen. Doch wer länger bleibt, merkt schnell, dass auch die Natur ihre eigenen Geschichten erzählt. Gibt es eine kleine Begebenheit mit Pflanzen oder Tieren, die dir bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist und für dich genauso zu diesem Ort gehört wie die Kunst selbst?
Bei der Planung des Gartens war mir wichtig, den Waldcharakter zu erhalten und da ich ein Fan von Farnen bin, gibt es auch einige Exemplare. Am Eingang zum Ateliergarten steht mein Bronzewächterhund Sophilo. «Söffeli» darf auch bei Gastkünstlerausstellungen – zu denen ich ja meine Arbeiten wegräume – immer aufpassen. Es kam schon vor, dass vorbeispazierende Hunde irritiert stehen blieben, sie angebellt haben oder Kinder sie bestaunten. Auch der Brunnen bot schon einiges an Spektakel: ein Hund, der ein kühlendes Bad genommen hatte (das Wasser ist wegen Vögeln, durstigen Hunden und Katzen giftfrei) oder Vögel, die sich in der Wasserschütte das Gefieder geputzt haben.
Der Ateliergarten zeigt nicht nur deine eigenen Werke. Jeden Sommer lädst du Künstlerinnen und Künstler ein, gemeinsam mit dir auszustellen – etwas, das heute nicht selbstverständlich ist. Was bedeutet dir dieser künstlerische Austausch? Nach welchen Kriterien wählst du die Kunstschaffenden aus, und gibt es einen gemeinsamen Gedanken oder roten Faden, der ihre Werke miteinander verbindet?
Gemeinsam mit mir stellt ein Gastkünstler nur aus, wenn er den Garten nicht selber «füllen» kann. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass das Volumen sehr gross war und ich die Ausstellung bis in unseren Wohnraum erweitert habe.
Da ich offen für fast alle Stilrichtungen bin, ist es sehr interessant, die verschiedenen Blickwinkel und Herangehensweisen (auch beim Aufbauen der Ausstellung) der Kunstschaffenden auf eine sehr persönliche Art kennenzulernen. Egal um welche Stilrichtung es geht: die Qualität der Arbeiten muss mich überzeugen. Gegenseitige Besuche im Atelier, viel Freiheit für die Gastkünstler:innen bei der Platzierung der Werke und nicht zuletzt meine fairen «Geschäftsbedingungen» schaffen jedes Mal eine bereichernde Atmosphäre. Und natürlich ist für eine gute Zusammenarbeit auch der zwischenmenschliche Faktor sehr wichtig.
Wer den Ateliergarten besucht, entdeckt zuerst deine Skulpturen. Doch wer ist die Frau hinter diesen Werken? Welche Erfahrungen und Stationen deines Lebens haben dich als Künstlerin besonders geprägt?
Meine Kindheit verbrachte ich an verschiedenen Orten und Kulturen der Welt. Bestand hatte dabei vor allem, dass ich viel gezeichnet und gemalt habe. Ich wurde in Biafra, im heutigen Nigeria, geboren. Die schlanken Figuren und Bilder von weiten Landschaften haben wohl dort ihren Ursprung.
Viele Menschen verlassen den Ateliergarten nicht nur mit schönen Eindrücken, sondern mit einem besonderen Gefühl. Was wünschst du dir, dass Besucherinnen und Besucher nach einem Rundgang mit nach Hause nehmen?
Dass sie wiederkommen möchten. Schön ist, wenn sie das Gefühl haben, der Besuch im Ateliergarten habe sich gelohnt. Sei es, dass sie der Ort «berührt» hat oder die eine oder andere Skulptur etwas in ihnen ausgelöst hat, auch wenn es vielleicht ein negatives Gefühl ist. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Kunstschaffenden, wenn der Betrachter von den Arbeiten, die er sieht, nicht berührt wird.
Gut zu wissen Kleiner Galerieraum Wer neben dem Ateliergarten auch den kleinen Galerieraum besichtigen möchte, darf gerne an der Haustüre klingeln oder sich telefonisch anmelden. |
Autor
Kulturblog Uster
Kontakt
Carolyn Heer
Wildsbergstrasse 10
8606 Greifensee
carolynheer@bluewin.ch
079 566 61 54
Kategorie
- Dies & Das
- Kunst
Publiziert am
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